Grosses Orchesterkonzert  

BTHVN 2020

Samstag

15

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08

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2020

20:00 Uhr

35 € / 30 € / 25 €

Stiftskirche Öhningen

DE

Programm:

Ludwig van Beethoven: Violinkonzert D-Dur op. 61

Allegro ma non troppo
Larghetto – attacca
Rondo (Allegro)

– Pause –

Johannes Brahms: Nänie op. 82

Ludwig van Beethoven: Chorfantasie op. 80


Milena Wilke, Violine
Stéphane Bölingen, Klavier
Collegium vocale Bodensee
Festivalorchester
Eckart Manke, Dirigent

Beethoven schrieb sein Violinkonzert 1806 für den befreundeten österreichischen Geiger Franz Clement. Es ist das einzige Solokonzert Beethovens, das kein Klavierkonzert ist. Wegen seines ungewohnten zeitlichen Umfangs lehnten es zunächst viele Kritiker ab. Seinen Durchbruch erlebte es erst 1844, als es der dreizehnjährige Joseph Joachim unter der Leitung von Felix Mendelssohn in London spielte.

Fünf leise Paukenschläge – das Paukenmotiv kehrt immer wieder - leiten die Vorstellung des liedhaften ersten Themas durch die Holzbläser ein. Erst nach Vorstellung der Themen durch das Orchester setzt die Solovioline ein. Das Konzert betont eher das Lyrische der Violine als das Virtuose. Das Orchester ist nicht bloßes Begleitinstrument, sondern aktiver Partner der Solovioline und trägt meist das thematisch-motivische Material vor, so dass die Solostimme zu einem komplementären Element des Gesamtwerks wird, indem sie den bekannten Motiven zahlreiche Variationen hinzufügt. Die Durchführung des 1. Satzes wird stark durch das Paukenmotiv bestimmt, es bildet den klanglichen Hintergrund für die ausdrucksvollen Kantilenen der Violine.

Der langsame Satz mit seiner Kette von Variationen strahlt eine tiefe, heitere Ruhe aus, die an die Pastorale erinnert. Ein besonderer Klang wird hier durch die Spielanweisung con sordino (mit Dämpfer) für die Streichinstrumente erzielt.

Das Finale in traditioneller Rondoform beginnt mit einem tänzerischen, jagdartigen Thema im 6/8-Takt, das einen schönen Kontrast zur friedlichen Stimmung einer späteren G-Moll Episode bildet. Nach der Kadenz des Soloinstruments findet das Werk in der Coda über eine überraschende Wendung zum entfernten As-Dur zurück zur Haupttonart.


1881 komponierte Johannes Brahms das Chorwerk „Nänie“, ein Trostgesang auf das unausweichliche Sterben aller Menschen. Anlass war der Todes seines Freundes, des Malers Anselm Feuerbach. Nänie (lat. nenia oder naenia) ist die Bezeichnung für einen römischen Trauergesang, der die Leichenzüge im antiken Rom begleitete. Brahms legt seiner Nänie ein Gedicht von Friedrich Schiller aus dem Jahr 1780 zugrunde, in dem dieser Bezug nimmt auf verschiedene gestorbene Helden der Götterwelt der griechischen Antike, ohne deren Namen direkt zu nennen. Auch die Form seines Gedichts ist ein Rückbezug auf die Antike, es besteht aus Doppelversen in Form des antiken Distichons:

Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich;
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.

Brahms begann die Arbeit an der Vertonung von Schillers Nänie im Frühjahr 1880. Mit der Auswahl dieser Textvorlage aus der Weimarer Klassik, die in Titel, Motiven und Form einen Bezug zur griechischen Antike herstellt, verwies Brahms hier auch auf die antiken Sujets, die Feuerbach bevorzugte. Das im Sommer 1881 fertiggestellte Werk widmete er Henriette Feuerbach, der Stiefmutter des Malers. Die Nänie entstand gut zehn Jahre nach Brahms’ Deutschen Requiem op. 45, das in vergleichbarer Weise versöhnen möchte zwischen der Trauer um einen Verstorbenen und der Tröstung der Hinterbliebenen. Die friedvolle musikalische Sprache der Nänie erinnert dabei durchaus an Brahms‘ Deutsches Requiem. Es ist bezeichnend für die Atmosphäre des Werks, dass es - obwohl als Klagegesang komponiert - ganz in Dur-Tonarten steht.
Die Uraufführung fand am 6. Dezember 1881 in Zürich statt. Das Konzert hinterließ beim Publikum einen tiefen Eindruck und wurde auch finanziell ein Erfolg, so dass der Vorstand der Tonhalle als Anerkennung für Brahms einen silbernen Pokal anfertigen ließ. Heute zählt „Nänie“ nach dem Deutschen Requiem op. 45 und in einer Reihe mit dem Schicksalslied op. 54 und dem Gesang der Parzen op. 89 zu den bekannteren Chorwerken Brahms’.


Zwei Jahre nach dem Violinkonzert entstand die Beethovens Chorfantasie für Klavier, Chor und Orchester als glanzvoller Abschluss mit allen Beteiligten für ein Konzert im Theater an der Wien unter Beethovens Leitung. Das Werk, eine Mischform aus Kantate und Konzertstück, beginnt mit einer virtuosen Klaviereinleitung, die vermutlich der von Beethoven improvisierten Passage beim Konzert entspricht; es folgt ein ausgedehnter Dialog zwischen Klavier und Orchester. Der mit Finale überschriebene Hauptteil verarbeitet das Thema aus Beethovens frühem Lied Gegenliebe (1795) in Variationen unterschiedlichen Charakters, unter anderem einem Marsch. Erst im letzten Drittel des Werks kommen Gesangssolisten und Chor mit eigenen Variationen ins Spiel. Die Melodie wird oft als Vorläufer der Ode an die Freude gesehen, obwohl die 9. Sinfonie erst 15 Jahre später entstand.

Den Auftrag zum Verfassen des Texts für diese Hymne auf die Macht der Musik vergab Beethoven erst kurz vor der Premiere an einen nicht mehr eindeutig zu bestimmenden Dichter, die Worte mussten auf die bereits geschriebenen Noten passen. Der Komponist war nicht begeistert von dem gelieferten Text, dem Verlag Breitkopf und Härtel stellte er frei, der Musik einen anderen Text zu unterlegen, lediglich das Wort „Kraft“ im abschließenden Chorjubel sollte an der gleichen Stelle platziert werden.
Hier der Text, zu dem übrigens der DDR-Dichter Johannes R. Becher anlässlich der Weltjugendspiele 1951 in Ost-Berlin eine alternative Friedensode verfasste.

Schmeichelnd hold und lieblich klingen
unsers Lebens Harmonien,
und dem Schönheitssinn entschwingen
Blumen sich, die ewig blüh'n.

Fried und Freude gleiten freundlich
wie der Wellen Wechselspiel;
was sich drängte rauh und feindlich,
ordnet sich zu Hochgefühl.

Wenn der Töne Zauber walten
und des Wortes Weihe spricht,
muss sich Herrliches gestalten,
Nacht und Stürme werden Licht,

äuß're Ruhe, inn're Wonne,
herrschen für den Glücklichen
Doch der Künste Frühlingssonne
lässt aus beiden Licht entsteh'n.

Großes, das ins Herz gedrungen,
blüht dann neu und schön empor,
hat ein Geist sich aufgeschwungen,
hallt ihm stets ein Geisterchor.

Nehmt denn hin, ihr schönen Seelen,
froh die Gaben schöner Kunst.
Wenn sich Lieb und Kraft vermählen,
lohnt dem Menschen Göttergunst.